Nicht jeder hat sich zu distanzieren

Knapp einen Monat ist es nun her, seitdem in Brüssel zwei Terroranschläge das Land in tiefe Trauer versetzt haben. Die „islamistische“ Terrormiliz IS („Islamischer Staat“) bekannte sich zu den Anschlägen. In Frankreich wurden ähnliche, „islamistisch“ motivierte Attentate verübt. Insbesondere der Terroranschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ sorgte „weltweit“ für großes Aufsehen. Zahlreiche Menschen zeigten ihre Solidarität mit dem Satz „Je suis Charlie“, um mit dem Land mitzutrauern.
Der Begriff „islamistischer Terror“ ist jedoch bereits seit dem 11. September 2001 in unserem Alltag. Die tragischen Flugzeugentführungen führten ihn in unser Leben ein. Nicht der Trauer um die zahlreichen Opfer und ihre Angehörigen, sondern der Islam als der Inbegriff des Terrorismus schlecht hin wurde in das Rampenlicht gerückt. Damals besuchte ich die zweite Klasse und ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, wie wir die in Flammen gesetzten und zerstörten „Twin Towers“ zeichnen mussten. Als kleines Kind war ich mir natürlich noch nicht dessen bewusst, was mit mir da geschah. Wir sollten „mitfühlen“ und den grausamen Vorfall „verarbeiten“. Worte wie „islamistischer Terror“ hinderten anscheinend nicht das Verdauungsprogramm. Der 11. September wurde somit zum Unterrichtsstoff. Uns frischen Köpfen konnte man von nun an die magische Formel der Medien bekannt machen: „islamischer“ oder bei etwas lieberen Sendern „islamistischer“ Terrorismus. Eine Art der Gewalt, die sich durch heimtückische Bombenangriffe, Selbstmordattentate oder im Mittleren Osten als diktatorische Staatsführung und illegale Kriegsführung an Grenzgebieten auszudrücken schien.

„Das Recht zur Selbstverteidigung“

Als Reaktion auf die Anschläge verabschiedete der UN-Sicherheitsrat schließlich die sogenannte „UN Resolution 1368“, um das individuelle und das kollektive Recht zur Selbstverteidigung auch nach Terrorangriffen zu legitimieren. Aufgrund der „Bedrohung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit“ nahm man sich das Recht im Rahmen der „Operation Enduring Freedom“ in Afghanistan Krieg zu führen. Der wesentliche Beitrag dazu seitens der deutschen Bundeswehr dürfte wohl allseits bekannt sein.
Jedes Mal geht dasselbe Spiel von vorne los. Nenne man es Taliban, al-Qaida, al-Nusra, Boko Haram, oder ISIS. Irgendeine „islamistische“ Terrororganisation entspringt aus dem nichts hervor und legitimiert politische Umwürfe durch Kriegsführung und Staatssturz. Dass solche Terrorgruppierungen ihre Waffen aus heiterem Himmel zugeregnet bekommen und sich urplötzlich tausende von Anhängern finden können ohne dabei aufgedeckt zu werden ist sowieso eine rationale Angelegenheit. Dass jede dieser Terrorgruppierungen mehr Muslime als nicht-Muslime getötet haben scheint jedenfalls für die meisten eine eher weniger sachliche Information zu sein.
Abgesehen von der verstrickten politischen Lage muss sich das einfache Volk tagtäglich mit dem Islamismus konfrontieren. Dabei haben sowohl Muslime, als auch nicht-Muslime schlechte Karten. Die einen müssen sich ständig von dem „Islam“ der „Islamisten“ distanzieren, während die anderen dazu verpflichtet werden, um ihre „westlichen Werte“ zu kämpfen. Als zusätzliche Belastung müssen dann Muslime, die aus ihrer Heimat weggescheucht werden und dem Tod entkommen sind von der westlichen Bevölkerung aufgenommen und in die Gesellschaft integriert werden. Das Ganze lässt sich dann unter den Begriff „islamistischer Terror“ subsumieren.

Wer die Reichen finanzieren muss

Wechseln wir doch das Thema. Letztes Jahr fand die dritte UN-Entwicklungskonferenz in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba statt. Die Bilanz war erschreckend: Weltweit fließe etwa doppelt so viel Geld aus den Entwicklungsländern in die Industrienationen wie die armen Staaten aus der Entwicklungshilfe bekommen. Laut einer Studie der Entwicklungsorganisation „European Network on Debt and Development“ (Eurodad) sollen die Entwicklungsländer für jeden Dollar, den sie bekommen mehr als zwei Dollar verlieren. Zudem verfügen sie über kein richtig etabliertes Steuersystem. Durch Finanzbetrug und Steuerflucht verlieren diese Staaten Milliarden. Eine Studie der Nichtregierungsorganisation Open Society Initiative for West Africa (Osiwa) besagt, dass der Steuerverlust westafrikanischer Staaten zwischen 2002 und 2011 mehr als 216 Milliarden Dollar betrug. Derselben Studie zu Folge haben internationale Konzerne durch Steuertricks einen Gewinn, der die Entwicklungshilfe um 50 Prozent übersteigt. Kurzum, westliche Industrieländer nehmen Entwicklungsländern doppelt so viel, wie sie geben, um weiterhin ihre Industrie boomen lassen zu können. Diese wiederum ersticken in immer höheren Schulden, leiden unter tödlicher Armut und größter Not.
Wer sich noch an die im Jahre 2000 veröffentlichten „Millenniums-Entwicklungsziele“ der Vereinten Nationen erinnert, dürfte sich nach diesen Angaben leicht erschreckt haben. Jedoch gibt es nun die bis 2030 zu verwirklichenden "Sustainable Development Goals" (SDGs). Diese sollen die nicht erfüllten Ziele des Vorgängers auch noch höher setzen.
Kommen wir nun zu unserer eigentlichen Frage. Wie nennt sich das ganze Dilemma? Oder weiß denn überhaupt jeder darüber Bescheid, was unter dem Namen Entwicklungshilfe so vor sich geht? Fühlt sich denn irgendein westlicher Konzern dazu aufgefordert, sich von diesem Doppelspiel zu distanzieren? Gab es spätestens nach der Zusammenkunft in Addis Abeba monatelang Schlagzeilen über die „westliche Ausbeutung“?
Die Antwort auf diese Fragen liegt klar auf der Hand. Der Ausdruck „westliche Ausbeutung“ wird ohnehin als ein übertriebener Slogan linksradikaler Gruppierungen verunglimpft. Die eine Form der Gewalt ist nicht weniger grausam als die andere. Die drastische mediale Präsenz des „islamistischen“ Terrorismus kann mit der der „westlichen“ Ausbeutung nicht verglichen werden. Zumindest ist keine Konditionierung auf eine solche Verbindung ersichtlich. Im besten Fall fällt vorübergehend der Name irgendeines Konzerns. Der Name des Systems bleibt dabei jedoch verschont.
Jede Form des Terrors, der Gewalt gegen unschuldige Menschen müsste gleichermaßen verurteilt werden. Wir müssen Solidarität mit jedem Opfer zeigen. Der Name, in der die Gewalt eingekleidet wird, dürfte keinen Unterschied machen. Wenn es tatsächlich um menschliche Werte geht, müssten diese Werte gegenüber jedem Unrecht verteidigt werden. Dass die „westlichen“ Werte nur dann von Belang sind, wenn es sich bei den Terroristen um angebliche Muslime handelt, ist und kann nur ein Teil dieses Doppelspiels sein.


Hayrunnisa Akar