Wie aus einem Türken (k)ein Deutscher wurde

 

Seit Jahrzehnten lebt Ozan Ceyhun in Deutschland. Er hat die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen, mit einer deutschen Frau eine Familie gegründet, seine Söhne einsprachig mit Deutsch als Muttersprache erzogen. Er engagierte sich in der Politik, wurde Europaabgeordneter, machte Wahlkampf für die SPD. Ozan Ceyhun ist ein Paradebeispiel gelungener Integration. Dennoch habe er festgestellt: 'Man wird nie Deutscher.'

 

Unter diesem Titel hat Ozan Ceyhun seine Erfahrungen in einem Buch zusammengefasst (Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2012). Seine Integration erachte er als gescheitert. Der Schlüsselmoment für diese Einsicht sei 2002 ein Gespräch mit dem frisch wiedergewählten Bundeskanzler Gerhard Schröder gewesen. Nach der gewonnenen Wahl lädt Schröder Ceyhun ins Bundeskanzleramt, um sich bei ihm für die Wahlkampfunterstützung zu bedanken. Es folgt ein Plausch, im Laufe dessen der Bundeskanzler Ceyhun fragt: 'Sag mal, Ozan, warum haben deine Landsleute eigentlich diesen Erdoğan gewählt?'

 

Zur Erinnerung: Ceyhun ist zu diesem Zeitpunkt seit Jahren deutscher Staatsbürger und deutscher Politiker. Doch für Schröder sind die Türken immer noch Ceyhuns 'Landsleute'. In diesem Moment habe er erkannt, dass er nie Deutscher werden würde, schreibt Ceyhun. Egal, wie sehr er sich bemühte, egal, was er für Deutschland täte. Er würde immer 'der Türke' bleiben.

 

Was bedeuten Ceyhuns Schlussfolgerungen für die Integrationsbemühungen der türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland? Sind sie per se vergeblich?

 

Nein. Ceyhuns Fall zeigt vielmehr, wie Integration nicht gelingen kann. Integration ist nicht – wie anfangs von ihm angenommen – eine Einbahnstraße zum nebulösen Begriff des 'Deutschtums'. Integration ist nicht die simple Eindeutschung von Ausländern. Integration ist die Partizipation am gesellschaftlichen Leben in der neuen Heimat. Dafür muss man aber nicht seine Geschichte zurücklassen, seine Erinnerungen an die erste Heimat. Dafür muss man nicht alles ablegen, was mit den persönlichen Ursprüngen zu tun hat.

 

Das hat Ozan Ceyhun inzwischen eingesehen. Er sagt, er versuche nicht mehr, ein 'echter Deutscher' zu werden. Die türkische Staatsbürgerschaft hat er erneut beantragt. Offiziell ist er heute Deutscher und Türke, arbeitet als politischer Berater in der Türkei und in Deutschland. Er nennt es eine 'mehrstaatliche Identität'.

Diese Einsicht ist wichtig: Es gibt nicht nur eine mögliche Identität. Man ist nicht entweder Türke oder Deutscher. Man kann auch beides sein. Die Identitäten können nebeneinander existieren, sich ergänzen – wahrscheinlich müssen sie es auch. Denn wie könnte jemand vergessen, wo er herkommt? Die eigene Familiengeschichte prägt einen, sie ist ein Teil der Identität. Sie ist eine Bereicherung.

 

Gelungene Integration bedeutet daher nicht das Ablegen der eigenen Geschichte. Gelungene Integration bedeutet Teilnahme am gesellschaftlichen Leben in der neuen Heimat. In Ceyhuns Fall ist das unbestreitbar gelungen: Als deutscher Bürger und Politiker hat er sich für die Gesellschaft eingesetzt. Deshalb muss ich ihm widersprechen: Seine Integration in Deutschland ist nicht gescheitert, auch wenn er sich nicht als 'echten Deutschen' sieht.

 

 

 

Sonje Schwennsen

Freie Journalistin

(Stipendiatin der Journalisten-Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung)

 

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