Netzwerke und Migranten


Migranten sind Arm an (qualifizierten) Netzwerken, umso wichtiger sind sie, da sie durch die Benachteiligung im regulären Bildungsbetrieb und beim Arbeitsmarkteintritt eine fördernde Funktion einnehmen. Qualifizierte Netzwerke können besonders für Migranten in ihrer schulischen und beruflichen Entwicklung einen positiven Effekt haben. Mitglieder solcher Netzwerke üben eine Vorbildfunktion aus und können durch ihre persönlichen Erfahrungen und Netzwerkzugänge wichtige Impulse für einen gesellschaftlichen Aufstieg leisten. Insbesondere deshalb, weil im Großteil der Migrantenmilieus erfolgreiche Bildungsbiografien seltener anzutreffen sind als in der Mehrheitsgesellschaft. Im Klartext bedeutet es, Netzwerke sollen die strukturellen Systemfehler ausbaden, viel Erfolg!

Ideologie verhindert Aufbau von Sozialkapital

Ausgehend von der Tatsache, dass Intelligenz kulturübergreifend gleichverteilt und Bildungsmisserfolg kein ethnisches, sondern soziales und strukturelles Problem ist, sind die Ursachen für die signifikanten Bildungsunterschiede in der verspäteten und nach wie vor ideologisch geführten Integrationspolitik zu suchen. Die normative Vorstellung über eine homogene Gesellschaft sollte eine Heterogenisierung durch die Einwanderung möglichst gering halten. Dadurch war eine frühzeitige Integration aller Einwanderer unter dem Primat der Chancengleichheit für eine gleichberechtigte Teilhabe an gesellschaftlichen Ressourcen letztendlich nicht möglich; dies hätte spätestens 1983 nach der Rückkehrförderung von Arbeitsmigranten beginnen müssen, als sich ein Großteil für einen Verbleib in Deutschland entschieden hatte. Zwar wurde 1998 durch einen rot-grünen Regierungswechsel zumindest die Einwanderungsrealität erkannt, die Kohl 16 Jahre verleugnet hat, aber selbst die rassistischen Anschläge von Solingen, Mölln oder Hoyerswerda haben wegen des historischen Ereignisses der Wiedervereinigung nicht beschleunigen können.

Das Bildungssystem ist auf eine ethnisch- leistungsheterogene Schülerschaft mangelhaft ausgerichtet, verkennt dadurch Potentiale der Einwandererkinder und vergeudet wichtige gesellschaftliche Ressourcen in der Wertschöpfungskette. Daher ist eine umfassende Bildungsreform die beste Integrationspolitik! Eine dauerhafte Diskrepanz in den Bildungsabschlüssen, im Erwerbsstatus und der Beschäftigungsstruktur ist für eine gesellschaftliche und identifikative Integration hinderlich, je länger eine Arbeitslosigkeit andauert und dadurch eine gleichberechtigte Teilhabe am sozialen und gesellschaftlichen Leben eingeschränkt wird. Deutlich wird es, wenn Benachteiligung vererbt und dadurch Generationen verloren gehen, weil Möglichkeiten zum Aufbau von Sozialkapital eingeschränkt werden. Sozialkapital nutzen bedeutet eine aktive Teilhabe an Netzen sozialer Beziehungen, aus denen positive Effekte für den Bildungsweg und Arbeitsmarkteinstieg generiert werden können. Sie wird umso bedeutender, je weniger (qualifizierte) Vorbilder im eigenen sozialen Milieu anzutreffen sind. Unter Berücksichtigung der Strukturdefizite im Bildungssystem und den nach wie vor selektiven Auswahlprozessen in den Personalabteilungen nehmen qualifizierte Netzwerke für Migranten eine umso wichtigere Rolle ein. Nach einer Studie des IAB (2009) gaben 49% der befragten Unternehmen an, auf vorhandene Netzwerke zurückzugreifen und bei Neueinstellungen persönliche Kontakte zu nutzen. Dadurch können Betriebe kostengünstig und zeitnah an Informationen über den Bewerber gelangen, Fehleinschätzungen reduzieren sowie Kosten und Zeit einsparen. Dem persönlichen Kontakt zwischen Arbeitgeber und Bewerber wird eine höhere Bedeutung beigemessen als der formalen Bewerbung. Ein Paradigmenwechsel ist daher dringend erforderlich, wenn einerseits Fachkräftemangel und (Jugend-) Arbeitslosigkeit die Arbeitsmarktagenda beschäftigt, aber die einzige politische Lösung die Entwicklung einer neuen (Integrations-) Industrie mit einem Milliardenumsatz zu sein scheint. Eine Gesellschaft kann nicht nur durch Sprachförderung und Projekte zusammenwachsen. Das Bildungssystem muss reformiert und herrschende Vorurteile in den Köpfen der Entscheidungsträger ausgeräumt werden, die den tatsächlichen Schlüssel für eine gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe in der Hand halten. Dafür tragen Politik und Medien eine sehr große Verantwortung.

Migranten werden schlechter bewertet

Die Präsentation einiger vorzeigbare Migranten in der Öffentlichkeit reicht nicht aus, wenn nach wie vor Ahmet wegen seines Namens und Wohnortes trotz vergleichbarer Qualifikationen wie Tim keinen Ausbildungsplatz findet, obwohl er der dritten Einwanderergeneration angehört, deutscher Staatsbürger und sprachkompetent ist! Ein Beleg für die sog. statistische Diskriminierung ist die schlechtere Bewertung der Persönlichkeitseigenschaften von Bewerbern türkischer Herkunft. Aber warum werden per se türkisch klingende Namen mit negativen Eigenschaften in Verbindung gebracht? Das formale Bewerbungsverfahren lässt wenig Raum für subjektive Einschätzungen der Entscheidenden zu, so dass bestehende Vorurteile gegenüber (Migranten-) Gruppen unmittelbar auf die Bewerber reflektiert werden. Somit startet Ahmet bereits mit einem Handicap. Er müsste eine Empfehlung von Dritten, aus demselben Netzwerk oder des früheren Arbeitsgebers ausgesprochen bekommen, um dieselben Voraussetzungen wie Tim zu haben. Ayşe muss es umso mehr, da nach herrschenden Vorurteilen sie nach dem 20. Lebensjahr verheiratet, anschließend zu einer Gebärmaschine verkommen und dadurch für das Unternehmen zu kostenintensiv werden wird. Beide müssen sich nach wie vor doppelt so stark anstrengen, um die gleichen Starbedingungen zu haben.

Migrantennetzwerke. Ja oder nein?

Auf die Wahl der Netzwerke müssen deshalb beide achten. Migrantennetzwerke unterschieden sich von denen der Mehrheitsgesellschaft mit Blick auf ihre ethnische Zusammensetzung, inhaltliche Ausrichtung, den Anteil an (Hoch-) Qualifizierten oder Unternehmern (aus wissensintensiveren Branchen), die u.a. für Ausbildungsplatzsuchende, Bildungsaspiranten und Hochschulabsolventen von Belang wären. So sind zwar mehr als die Hälfte der Türkischstämmigen unter 44 Jahren (unter 30 Jahre: 49,8%) in Vereinen aktiv, allerdings liegt die Konzentration auf Religion, Sport und Freizeit - in Organisationen zu beruflichen Interessen oder politischen Parteien sind sie hingegen stark unterrepräsentiert. Deshalb ist es für Migranten besonders wichtig, sich in qualifizierten Netzwerken wie in politischen Parteien, Gewerkschaften, Berufsverbänden oder Bildungsorganisationen zu engagieren. Nur so können sie belastbares Sozialkapital aufbauen, das für sie selbst und nachkommende Generationen eine wichtige Entwicklungs- und Aufstiegsressource darstellt. Team,- Durchsetzungs-, Kompromiss,-Kommunikations-und Konfliktfähigkeit sowie die Sprach- und Kulturkompetenzen werden dort ebenfalls erlernt, was Personaler hoch schätzen und Ahmet und Ayşe ihr Handicap dadurch aushebeln können. Migranten sollten sich stärker einbringen und Arbeitgeber genauer hinsehen und Ressourcen nicht vergeuden; das können und dürfen wir uns nicht leisten!


Caner Aver

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